Prüfung der Voraussetzungen für eine GKV-Kostenübernahme der CAM-Therapie
Cannabisarzneimittel: Informationen für die individuelle Therapie
Cannabisarzneimittel (CAM) bieten vielseitige Einsatzmöglichkeiten bei chronischen Erkrankungen. Nach der Identifikation der zu therapierenden Symptome werden Therapieziele definiert. Je nach Applikationsform und Cannabinoid-Arzneimittelgruppe unterscheiden sich die jeweiligen Wirkprofile.
Übersicht:
Kriterien für die Auswahl: Therapieziele und Applikationsform
Im Rahmen der Behandlung ist es hilfreich, konkrete Therapieziele zu benennen, anhand dessen sich ein Erfolg der Therapie mit Cannabisarzneimitteln messen kann:
Beispiele von Therapiezielen1
Applikationsform
Übersicht der Cannabisarzneimitteln
Die Wahl der geeigneten Cannabisarzneimittel-Therapieform richtet sich nach dem Beschwerdebild und den individuellen Behandlungszielen der Patient:innen. Cannabisarzneimittel sind in unterschiedlichen Formen und Zusammensetzungen erhältlich, wie beispielsweise Fertigarzneimittel (Sativex, Canemes) oder Rezepturarzneimittel (Dronabinol, Cannabisextrakte, Blüten). Während Monosubstanzen (z. B. Dronabinol) ausschließlich THC enthalten, kombinieren Phytopharmaka (z. B. Cannabisextrakte und Blüten) mehrere Cannabinoide, wie THC und CBD, sowie Terpene, die gemeinsam synergistische Effekte entfalten und den sogenannten Entourage-Effekt hervorrufen können.
Vergleich von Cannabisarzneimitteln
Cannabisarzneimittel | Zusammensetzung | Applikationsform | Wirkeintritt | Wirkdauer und Wirkmaximum | Bioverfügbarkeit | Bei der Verordnung zu beachten |
---|---|---|---|---|---|---|
Cannabisblüten | THC, CBD, weitere Cannabinoide und Terpene. Cannabisblüten mit variabler THC- und CBD-Konzentration | Inhalation mittels medizinischer Verdampfer | ca. 1-5 Minuten |
Wirkdauer: ca. 2-3 Stunden, Wirkmaximum: Nach ca. 6-15 Minuten |
An- und Abflutung von THC im Blut: sehr schnell Bioverfügbarkeit: 10% bis 35% |
Rezepturarzneimittel, Cannabisblüten bedürfen einer besonderen Begründung |
Cannabisextrakte | THC, CBD, weitere Cannabinoide und Terpene. Vollspektrum-Extrakte mit variabler THC- und CBD-Konzentration | Orale Anwendung als Tropfen (Hubpumpe oder Pipette) oder Kapseln | ca. 30-90 Minute |
Wirkdauer: ca. 4-12 Stunden, Wirkmaximum: Nach ca. 2–3 Stunden |
An- und Abflutung von THC im Blut: langsam Bioverfügbarkeit: 4% bis 12% |
Rezepturarzneimittel, Bei Cannabisextrakten gilt es zu prüfen, ob auch Fertigarzneimittel oder Dronabinol eingesetzt werden können |
Dronabinol | Monosubstanz (reines THC) | Orale Anwendung als Tropfen (Hubpumpe oder Pipette) oder Kapseln | ca. 30-90 Minuten |
Wirkdauer: ca. 4-12 Stunden, Wirkmaximum: Nach ca. 1–2 Stunden |
An- und Abflutung von THC im Blut: langsam Bioverfügbarkeit: 4% bis 12% |
Rezepturarzneimittel, Dronabinol bedarf keiner gesonderten Begründung |
Sativex (Nabiximols) | Feste Kombination aus THC (2,7 mg) und CBD (2,5 mg) pro Sprühstoß | Spray zur Anwendung in der Mundhöhle | ca. 15 Minuten |
Wirkdauer: ca. 4-6 Stunden, Wirkmaximum: Nach ca. 1–2 Stunden |
An- und Abflutung von THC im Blut: relativ schnell Bioverfügbarkeit: 11-13 % für THC und 6-8 % für CBD |
Zugelassenes Fertigarzneimittel bei Spastik bei Multipler Sklerose (MS) |
Canemes (Nabilon) | Synthetisches THC-ähnliches Nabilon | Orale Einnahme in Kapselform | ca. 30-90 Minuten |
Wirkdauer: ca. 4-12 Stunden, Wirkmaximum: Nach ca. 2–3 Stunden |
An- und Abflutung von THC im Blut: langsam Bioverfügbarkeit: 4% bis 12% |
Zugelassenes Fertigarzneimittel bei chemotherapie-induziertem Erbrechen und Übelkeit. Bei Canemes handelt es sich um ein Betäubungsmittel (BTM). |
THC-Plasmakonzentration nach Applikationsform
Die Wahl der Applikationsform von THC-haltigen Cannabisarzneimitteln beeinflusst maßgeblich deren Wirkung, Bioverfügbarkeit und Wirkprofil. Von der oralen Aufnahme über Sprays bis hin zur inhalativen Anwendung – jede Methode zeichnet sich durch spezifische Eigenschaften aus, die bei der Therapieentscheidung eine Rolle spielen. Die folgende Grafik und Beschreibung liefern einen detaillierten Einblick in die Unterschiede, um therapeutische Entscheidungen zu unterstützen. Vergleich der Applikationsformen:
Potenzielle therapeutische Effekte von THC und CBD
Cannabinoide wie Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) sind die Hauptwirkstoffe der Cannabispflanze und interagieren mit dem Endocannabinoid-System des menschlichen Körpers, das eine zentrale Rolle bei der Regulierung physiologischer Prozesse spielt.
THC ist bekannt für seine psychoaktiven Eigenschaften und wird therapeutisch z. B. zur Schmerzlinderung, Appetitanregung oder antiemetischen Therapie eingesetzt. CBD hingegen ist nicht psychoaktiv und weist ein breites therapeutisches Spektrum auf, darunter entzündungshemmende Eigenschaften, angstlösende und antipsychotische Effekte sowie antiepileptische Wirkungen. Weitere Cannabinoide wie Cannabigerol (CBG) und und Cannabinol (CBN) werden ebenfalls hinsichtlich ihrer medizinischen Potenziale untersucht.
Die Kombination von THC und CBD kann synergistische Effekte erzeugen, die als "Entourage-Effekt" bekannt sind und die therapeutische Wirksamkeit steigern sowie Nebenwirkungen reduzieren können. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die Evidenzlage je nach Indikation variiert und weitere klinische Studien erforderlich sind, um die Wirksamkeit und Sicherheit in verschiedenen therapeutischen Kontexten vollständig zu bewerten.
CAM Dosierung und Titration
Optimale Dosierung
Der optimale Dosisbereich ist äußerst individuell und wird erreicht, wenn eine gewünschte Symptomlinderung ohne unerwünschte Nebenwirkungen erzielt wird. Durch eine stufenweise Steigerung der Dosierung über mehrere Tage haben die Patient:innen die Möglichkeit, die Wirkung des Medikaments selbst zu beurteilen und so den optimalen Dosisbereich zu finden.
Optimaler Dosierungsbereich 1,2,3
Die Steigerung der Dosierung findet in Stufen über mehrere Tage statt. Der optimale Dosisbereich ist in der Stufe erreicht, in der eine gewünschte Symptomlinderung ohne unangenehme Nebenwirkungen erzielt wird. Dieser Dosisbereich ist sehr individuell und kann von der angegebenen Maximaldosis abweichen.
Die optimale Dosierung ist im wesentlichen abhängig von individuellen Faktoren der Patient:innen:
Die zugrundeliegende Hauptdiagnose der Indikation (bspw. Multiple Sklerose, chronisches Schmerzsyndrom oder Kachexie) für eine Therapie mit Cannabisarzneimitteln hat nicht zwangsläufig einen Einfluss auf die optimale Tagesdosis. Es werden jedoch von der DGS (Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. ) und der S2K Leitlinie “Neuropathischer Schmerz” Dosierbereiche für verschiedene Indikationen angegeben.
Therapeutische Dosierungen von Dronabinol liegen üblicherweise in einem Bereich zwischen 5 bis 20 mg THC/Ta, in Einzelfällen sind Dosierungen bis 40 mg THC/Tag oder höher möglich.1
Entsprechend der Indikation können verschiedene Zieldosierungen für Dronabinol und Cannabisextrakte erwartet werden:
Schrittweise Dosierung und Start Tagesdosis THC
Schritte zur optimalen Dosierung
Orale Anwendung (z.B. Cannabisextrakte oder Dronabinol)
Inhalative Anwendung (z.B. Cannabisblüten)
CAM Nebenwirkungen
Eine niedrige Startdosis und langsame Steigerung helfen bei der frühzeitigen Identifikation von Nebenwirkungen, die unter Therapie mit medizinischem Cannabis auftreten können.
Bei Auftreten von unerwünschten Nebenwirkungen sollte die Dosierung um eine Stufe reduziert werden.
In der wissenschaftlichen Literatur werden zum einen psychische unerwünschte Wirkungen wie Angst, Unruhe, Euphorie, sowie auch Panikattacken, die insbesondere bei höherer Dosierung auftreten, beschrieben.3
Insbesondere während der Titration (und bei Dosisänderungen) sind Beeinträchtigungen des Gedächtnisses, der Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit, Feinmotorik und Bewegungskoordination möglich.4
Zu den möglichen körperlichen unerwünschten Wirkungen, insbesondere zu Beginn der Therapie, zählen eine verminderte Speichelproduktion (Mundtrockenheit), Tachykardie und orthostatische Beschwerden mit Schwindel beschrieben.5 In der Regel entwickelt sich jedoch innerhalb von wenigen Tagen eine Toleranz.
Nicht jede Nebenwirkung muss einen Grund für die Reduzierung der Dosis bei der Titrierung darstellen. Besprechen Sie mit Ihren Patient:innen, auf welche Nebenwirkungen besonders geachtet werden sollte. Orientieren Sie sich dabei an den individuellen Risikofaktoren.
Risikofaktoren:
Verkehrstüchtigkeit unter Cannabisarzneimitteln
Die Verkehrstüchtigkeit kann insbesondere während der Titrationsphase und bei jeder Dosiserhöhung beeinträchtigt sein. In dieser Zeit ist von einer aktiven Teilnahme am Straßenverkehr dringend abzuraten.
Eine stabile Dauertherapie mit fester Dosierung und regelmäßigen Einnahmezeiten (z. B. zwei- bis dreimal täglich) kann nach individueller ärztlicher Beurteilung mit einer erhaltenen Verkehrstüchtigkeit vereinbar sein.
Es wird empfohlen, Patient:innen im Rahmen einer Dauertherapie eine ärztliche Bescheinigung auszustellen, die auch für Auslandsreisen genutzt werden kann.
Wichtige Formalien bei der Verordnung von Cannabisarzneimitteln
Rezeptvorgaben:
Wichtige Hinweise
Die Copeia GmbH stellt diese Informationen als Orientierungshilfe bereit und garantiert weder Vollständigkeit noch Richtigkeit der Angaben. Wir empfehlen, die geplante CAM-Therapie sorgfältig zu prüfen, insbesondere hinsichtlich der Validität und möglicher Kontraindikationen, um eine sichere Behandlung zu gewährleisten.
Quellen:
1. Narouze, S.N. (eds) Cannabinoids and Pain. Springer, Cham. https://doi.org/10.1007/978-3-030-69186-8_25
2. Lucas P et al. Cannabis significantly reduces the use of prescription opioids and improves quality of life in authorized patients: results of a large prospective study. Pain Med 2021; 22: 727-739.
3. Oier Aizpurua-Olaizola, et al. Targeting the endocannabinoid system: future therapeutic strategies, Drug Discovery Today, Vol.22, Issue 1, January 2017, P.105-110
4. Müller‐Vahl, K.; Grotenhermen, F. (2017): Medizinisches Cannabis, Die wichtigsten Änderungen, in: Dtsch Arztebl, 2017, 114(8): A 352–6
5. DGS-Praxisleitlinie „Cannabis in der Schmerzmedizin” – Version: 1.0 für Fachkreise – Horlemann J, Schürmann N. – Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. – 2018
6. BfArm: Abschlussbericht der Begleiterhebung nach § 31 Absatz 6 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch zur Verschreibung und Anwendung von Cannabisarzneimitteln – https://www.bfarm.de/DE/Bundesopiumstelle/Cannabis-als-Medizin/Begleiterhebung/node.html
7. ACM-Magazin 2023. Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin e.V.
8. Aviram J, Lewitus GM, Vysotski Y, Berman P, Shapira A, Procaccia S, Meiri D. Sex differences in medical cannabis-related adverse effects. Pain. 2022 May 1;163(5):975-983. doi: 10.1097/j.pain.0000000000002463. PMID: 34538843; PMCID: PMC9009319.
Copeias Web-Anwendungen unterstützen eine patientenfokussierte Cannabistherapie, vereinfachen zeitaufwändige Prozesse und helfen, die zentralen Fragestellungen bei der Verschreibung von Cannabisarzneimitteln schnell und einfach zu beantworten.
*Die Nutzung ist medizinischem Fachpersonal vorbehalten und erfordert einen DocCheck Login.